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Humanismus?


–Die »Allgemeine Erklärung der Menschenrechte«

–Ethisch fundiertes faires Verhalten

–Ablehnung des Moralisierens nach dem Motto: »Nur wir sind die Guten und die anderen sind böse.«

–Ablehnung von Zentralismus, Populismus, Nationalismus, Rassismus, Sexismus und Speziesismus, sowie die Wirklichkeit leugnende Ideologien

–Eine naturalistische und rationale Weltanschauung, die u.a. das Wohl für alle im «Hier und Jetzt« im Fokus hält

–Fundierte Ergebnisoffenheit bezüglich rationaler und wissenschaftlicher Erkenntnisse

–Die Würde des Menschen wahrende, sowie ethisch faire und sachliche Toleranz, aber auch klare Grenzen der Toleranz nach dem Motto: »Wer kritiklos für alles offen ist, ist nicht ganz dicht!«

–Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie aller Ethnien durch gleiche Berücksichtigung gleichrangiger Interessen

–Freie sexuelle Selbstbestimmtheit

–Selbstbestimmung des Denkens und des eigenen Lebenskonzepts

–Körperliche und geistige Unversehrtheit

–Demokratische Prinzipien und die Kontrolle durch Gewaltenteilung, sowie Presse- und Versammlungsfreiheit

–Rechtsstaatlichkeit und unser demokratisches Wertesystem

Und nicht zuletzt:

–Religions- und Weltanschauungsfreiheit, auch und gerade die sogenannte »Negative Religionsfreiheit«, also »frei von Religion« zu sein im Sinne der Ablehnung irrationaler Glaubensvorstellungen



Die Amsterdam-Deklaration »Humanismus«

ist eine Erklärung zu den fundamentalen Prinzipien des Humanismus, die im Jahe 2002 einstimmig von der Generalversammlung der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union (IHEU) beim »15. World Humanist Congress« zum 50-jährigen Jubiläum des ersten Kongresses der IHEU sowie von allen Mitgliedsorganisationen beschlossen wurde.

Quelle: http://iheu.org/humanism/the-amsterdam-declaration/

Inhalt der Deklaration:

Humanismus ist ethisch Humanismus bekräftigt den Wert, die Würde und die Autonomie des Individuums und das Recht jedes Menschen auf größtmögliche Freiheit, die mit den Rechten anderer kompatibel ist. Humanisten haben eine Fürsorgepflicht gegenüber der gesamten Menschheit, einschließlich den zukünftigen Generationen.

Humanismus ist rational Humanismus versucht, Wissenschaft kreativ und nicht destruktiv zu nutzen. Humanisten gehen davon aus, dass die Lösungen zu den Problemen der Welt im menschlichen Denken und Handeln liegen und nicht in göttlicher Intervention. Humanisten befürworten die Anwendung wissenschaftlicher Methodik und freier Untersuchung auf Probleme, die das menschliche Wohlergehen gefährden. Humanisten gehen aber auch davon aus, dass die Anwendung von Wissenschaft und Technologie durch menschliche Werte gezügelt werden muss. Die Wissenschaft gibt uns die Mittel, aber vom Menschen gesetzte Werte müssen die Ziele vorgeben.

Humanismus unterstützt Demokratie und Menschenrechte Humanismus zielt auf die bestmögliche Entwicklung jedes Menschen ab. Er geht davon aus, dass Demokratie und menschliche Entwicklung eine Sache des Rechts sind. Die Prinzipien der Demokratie und der Menschenrechte können auf viele menschliche Beziehungen angewendet werden und sind nicht auf Methoden des Regierens beschränkt.

Humanismus besteht darauf, dass persönliche Freiheit mit sozialer Verantwortung kombiniert werden muss Humanismus wagt es, eine Welt auf der Idee des gesellschaftlich verantwortlichen freien Menschen zu gründen und erkennt unsere Abhängigkeit und Verantwortung gegenüber der natürlichen Welt an. Humanismus ist undogmatisch und erlegt seinen Anhängern kein Glaubensbekenntnis auf. Er ist daher der Bildung, Erziehung und Aufklärung verpflichtet und somit frei von ideologischer Indoktrination.

Humanismus ist eine Antwort auf die verbreitete Nachfrage für eine Alternative zu dogmatischer Religion Die großen Weltreligionen behaupten, sie basierten auf Offenbarungen, die für die Ewigkeit feststünden, und viele trachten danach, der gesamten Menschheit ihre Weltsicht aufzuerlegen. Humanismus erkennt an, dass verlässliches Wissen über die Welt und uns selbst nur über einen fortschreitenden Prozess der Beobachtung, Evaluation und Überprüfung erwachsen kann.

Humanismus befürwortet künstlerische Kreativität und Imagination und erkennt die transformative Macht der Kunst an Humanismus bekräftigt die Wichtigkeit von Literatur, Musik sowie der visuellen und darstellenden Künste für die persönliche Entwicklung und Erfüllung.

Humanismus ist eine Lebenseinstellung Sie zielt auf die größtmögliche Erfüllung durch die Kultivierung eines ethischen, kreativen und selbstbestimmten Lebens ab und beitet eine ethische und rationale Methode, sich den Herausforderungen unserer Zeit stellen zu können.



Essay: Was ist Humanismus?

Woher kommt er? Wofür steht er? – sind drei der Fragen, die wir uns einmal bewusst machen wollen, denn: Es stellt sich auch die Frage: Reichen die üblichen Antworten dazu überhaupt aus? Um es vorwegzunehmen: NEIN!

Was also fehlt an den allgemeinen, öffentlich lernbaren Definitionen noch, um sich wirklich – und redlich – einen Humanisten nennen zu können? – und in nachhaltiger Weise ein wirklicher Humanist zu sein?!

Tauchen Sie also kurz mit uns ein in das letzte fehlende Element unseres alltäglichen Verhaltens, damit wir uns danach richten können bzw. den Humanismus in dynamischer und aktiver Weise in – und mit uns – zu den anderen Menschen zu tragen.

Lernen Sie zu verstehen, warum die üblichen Definitionen alleine eben nicht ausreichen und warum der Humanismus in der Wahrnehmung der Menschen oftmals so akademisch und sperrig daherkommt. Erkennen Sie auf der anderen Seite aber, wie einfach es doch letztlich ist, auf dieser hier diskutierten Basis und als wichtige Ergänzung für unser Wertesystem, den Humanismus in unserem ganz persönlichen Alltag aktiv zu leben und allzeit für das allgemeine Wohl aller Menschen im Hier und Jetzt verwenden zu können, ohne dass uns diese akademische Sperrigkeit überhaupt abschrecken muss!

Was also ist unter Humanismus zu verstehen?

Alle Humanisten sind sich im Klaren, warum sie diese Einstellung tragen wollen – so scheint es. Stellt sich nur die Frage: »In welchem Klaren« aber ist sich jeder Einzelne von uns?

Sicherlich: Die Meisten sind bestimmt davon überzeugt es zu wissen. Aber was wissen sie tatsächlich darüber? – und wir wagen die unterstellende Behauptung, dass sich heute die Wenigsten wirklich darüber bewusst und im Klaren sind – im Sinne der positiven und konstruktiven Konsequenzen für ihr eigenes Leben und – ganz wichtig: ihrem alltäglichen Verhalten anderen gegenüber.

Wenn wir uns über diverse Lexika, Literaturen oder das Internet informieren, dann lernen wir sehr schnell wie der Humanismus definiert wird, etwas über die Historie des Begriffs und der Bewegung, was das mit den Menschenrechten zu tun hat, u.v.a.m. Wer das einmal getan hat, aber nicht skeptisch darüber reflektiert, der wird wohl kaum bemerken, dass diese Informationen zwar notwendig sind, aber nicht hinreichend in dem Sinne, was wir im Alltag andauernd denken, entscheiden und handeln müssen; wie wir also ticken müssen, um wirklich humanistisch eingestellt, human handelnd und Humanität aktiv lebend zu sein, sowie diese Art zu denken, zu urteilen und zu handeln als Vorbild für ein allgemeines Wohl der Menschen in unser gesellschaftliches Umfeld hinein zu bewerben. Genau das aber wäre das, unter einer ernsthaft gemeinten Einstellung stehende Ideal. Das soll aber – und um es deutlich hervorzuheben: nicht behaupten, dass wir – jeder einzelne von uns – nicht in bester Absicht handeln würden. Wir sind überzeugt, dass sich jeder in Bezug auf sein Wissen und Können entsprechend verhält. Die Frage ist nur: Was könnte dazu noch fehlen?

Doch zunächst erst einmal die allgemein üblichen Argumente, was unter Humanismus zu verstehen ist:

Der deutsche Begriff »Humanismus« wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts von dem deutschen Philosophen und Theologen Friedrich Philipp Immanuel, Ritter von Niethammer (1766-1848) eingeführt.

Aus heutiger Sicht ist der Humanismus getragen von einem allgemeinen Wertekanon: – allem voran: der »Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte« – eines ethisch fundierten Fairnessverhaltens – der Ablehnung des Moralisierens nach dem Motto: »Nur wir sind die Guten und die anderen sind böse« – der Ablehnung von Zentralismus, Populismus, Nationalismus, Rassismus, Sexismus und Speziesismus, sowie Realität leugnender Ideologien, Irrationalität und Wissenschaftsfeindlichkeit – einer naturalistischen und rationalen Weltanschauung, die u.a. das Wohl für alle im «Hier und Jetzt« im Fokus hält und nicht aufgrund von absurden Jenseitsvorstellungen meint, man könne sich und anderen durch Schuldeinrede und Androhung von Höllenqualen die Lebensqualität zerstören – einer fundierten Ergebnisoffenheit bezüglich rationaler und wissenschaftlicher Erkenntnisse – einer würdevollen, ethisch fairen und sachlichen Toleranz, aber auch klarer Grenzen der Toleranz mit dem Motto: »Wer kritiklos für alles offen ist, ist nicht ganz dicht!« – der Gleichberechtigung, gerade von Mann und Frau sowie aller Ethnien durch gleiche Berücksichtigung gleichrangiger Interessen – der freien sexuellen Selbstbestimmtheit – der Selbstbestimmung des Denkens und des eigenen Lebenskonzepts – der körperlichen Unversehrtheit – der demokratischen Prinzipien und der Kontrolle durch Gewaltenteilung sowie der Presse- und Versammlungsfreiheit – der fundierten Rechtsstaatlichkeit und des demokratischen Wertesystems – und nicht zuletzt der Religions- und Weltanschauungsfreiheit, auch und gerade der sogenannten »Negativen Religionsfreiheit«, also »Frei von Religion« zu sein im Sinne der Ablehnung irrationaler Glaubensvorstellungen.

Dieser öffentlich-gesellschaftliche Wertekanon reicht aber noch nicht aus. Zur Voraussetzung einer humanistischen Lebensauffassung kommen noch diese persönlich orientierenden Werte, Ideen und Prinzipien hinzu: Vernunftorientiertes und rationales freies Denken, Gelassenheit, Ergebnisoffenheit, Selbstbestimmtheit, Individualität, Solidarität und Mitgefühl, sowie die Gewissheit, dass wir alle nur dieses eine Leben haben im Hier und Jetzt.

Jeder muss sich selbst fragen, ob er eines oder mehrere Punkte von diesem Orientierungskanon aus seiner persönlichen Empfindungslage heraus abzulehnen fühlt. Das bedeutet nämlich – und um es klar zu sagen -, dass man eben nicht voll umfänglich ein Humanist ist und insofern, so man es aber dennoch sein will, an sich arbeiten muss, um sich dem Prozess der eigenen skeptischen Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit vorsätzlich bewusst auszusetzen. Nur dadurch ist zu erkennen, warum eine ablehnende Gefühlslage eben nicht zielführend ist.

Aber selbst wenn jemand dies alles in vollem Umfang lediglich nur akzeptiert, dann aber alles auf sich beruhen lässt und im Alltagsverhalten wieder vergisst, dann bedeutet das ein nur passives Mit- und In-sich-Tragen des humanistischen Grundgedankens. Von einem wahren, humanistisch überzeugten Verhalten ist diese Person dann aber noch weit entfernt.

Wenn wir den Humanismus also aktiv leben und auch im Sinne unserer Gemeinschaftsziele weitertragen wollen, dann gehört neben dem rein definierten Sachwissen ein letztes sehr wichtiges Moment dazu. Kommen wir also nun zu einem sehr wichtigen Begriff, den wir uns klar machen müssen, um uns im Umgang mit anderen Menschen – in fundierter Redlichkeit – einen aktiven Humanisten nennen zu können:

Die Mündigkeit

Was aber ist darunter zu verstehen?

»Mündigkeit« ist letztlich der aktivierende Schlüssel zu dem oben aufgeführten humanistischen Wertekanon an (eben nur) voraussetzenden Attributen.

Eine sehr wichtige Lebensweisheiten und Richtspruch in diesem Zusammenhang ist dieser persönliche kategorische Imperativ:

»Gedenke der Folgen deines Tuns!« – oder anders gewendet:

„Sei dir unablässig und jederzeit darüber bewusst – auch und gerade im Alltag -, dass jedes durch dich gesetzte Entscheiden, Verhalten und Handeln in die Welt hinein wirkt; dass also die Lebensräume und das Bewusstsein all deiner Mitlebewesen in deiner Umgebung von dir beeinflusst und verändert werden!“ – so, wie es dieser Essay mit Ihnen gerade eben auch tut!

Aktiv gelebter Humanismus setzt also Denken, Entscheiden und entsprechendes Handeln in einem permanenten selbstbewussten bzw. selbst-beobachtenden skeptisch-kritischen Klima voraus – und wir kommen zur eigentlichen Definition:

Mündigkeit bedeutet also:

Jede beliebige Tat – jederzeit – vor sich selbst und anderen »verantworten zu können« und nicht »verantworten zu müssen«. Wenn wir unser Verhalten also nachträglich vor anderen »verantworten müssen«, dann ist es schon zu spät und unser notwendig bewusstes und Verantwortungs-getragene Tun für ein humanistisch wohlwollendes, zwischenmenschliches Klima hat in diesem Sinne längst versagt.

Jede – auf diese selbstkritisch-orientierende Weise – bewusst getroffene, also mündig entschiedene Tat, ist getragen von der selbstauferlegten Bereitschaft zur Verantwortung die Schuld oder Zeche für die Konsequenzen des eigenen selbstbestimmten Tuns zu bezahlen bzw. stärker ausgedrückt: »bezahlen zu wollen« und nicht zu müssen, selbst dann, wenn es sich um eine verwerfliche Tat handelt. Nur dieses bewusste, selbstgetragene, eben mündige, Wollen ist die notwendige Voraussetzung dafür, überhaupt die eigene Bereitschaft einzuleiten, eine verwerfliche Tat letztlich zu unterlassen.

M.a.W.: Mündigkeit ist ein Verantworten-Können mit der vorweg entschiedenen, tatsächlichen inneren Bereitschaft, klaglos und ohne Empörung über die eigene Schuld für die Konsequenzen einzutreten und die damit in Zusammenhang stehende Schuld auch tragen zu wollen! Insofern führt dieser Verhaltensakt immer zu einer, von bewusstem Wollen getragenen Entscheidung, die – und das ist nun sehr wichtig: in konstruktiver Weise das allgemeine Wohl im Fokus hält und ein verwerfliches sowie nachgerade emotionales Verhalten bewusst auszuschließen vermag!

Zusammenfassung und Fazit:

Ein bewusstes Verantworten-Können und nicht ein Verantworten-Müssen, also das alltägliche permanente Getragen-Sein von der vorhergehenden bewussten Entscheidung zu einer Handlungsausübung und nicht zu vergessen die eigene innere Bereitschaft die Schuld zu tragen und die Zeche zu bezahlen, selbst dann, wenn die Handlung falsch oder destruktiv war, erfüllt den Begriff und die Bedeutung von »Mündigkeit«.

Diese Bedeutung ergibt zusammen mit den oben aufgeführten, passiven Werte-Attributen des Humanismus einen wahren, authentischen und aktiv gelebten, dynamischen Humanismus im Sinne des selbstbestimmten freien Denkens und Verhaltens im Umgang mit anderen Lebewesen, Menschen und Dingen, sowie der uns umgebenden und uns bewahrenden Natur.

Und selbst wenn uns das nicht immer gelingt, dann ist es an der Zeit es so einzuüben, dass das zu einer bzw. unserer permanent bewussten, mündig-humanen und persönlichen Identität führt, die wir aus uns selbst schöpfen und die uns letztlich ausmacht, denn genau das ist unter Lebenssinn und Mitmenschlichkeit im Rahmen des Humanismus zu verstehen.

Mit anderen Worten:

Aktiv und dynamisch gelebter Humanismus geht auf dieser Basis von der grundlegenden Entscheidungs- und Entwicklungsfähigkeit des Menschen aus. Das Ziel dessen ist letztlich ein ethisch faires Verhalten untereinander zu garantieren und zu bewerben – und darauf fußend ethisch die effizientere und konstruktivere Verhaltenswahl zu treffen. Nur damit sind ein bestmögliches Wohl und kein Wehe für alle Lebewesen zu ermöglichen, damit sich für uns alle ein zufrieden-stellendes gutes Leben im Hier und Jetzt einzustellen vermag.

Und um es noch einmal klar auszudrücken: Hierzu braucht es keine Religion!



Essay: Moral kontra Ethik

Vorwort: Es geht in diesem Essay nicht um die Moral im Sinne eines gesellschaftsverträglichen, nach innen gerichteten, wohlwollenden Kooperationsverhaltens, sondern um das vorverurteilende, also moralisierende Unterscheiden in Gut und Böse. Ein Moralisieren, das die Verteidiger eigener Werte verwenden, um die Werte anderer gezielt zu diffamieren.


Wenn wir im Alltag miteinander reden und es dabei um die Bewertung menschlichen Verhaltens geht, fällt ganz schnell das Wort »Moral«, deutlich seltener das Wort »Ethik«. Bei aufmerksamem Zuhören kann man bemerken, dass diese beiden Begriffe völlig undifferenziert verwendet, ja sogar verwechselt werden, so, als ob sie die gleiche Bedeutung hätten. Dieses Sprechverhalten zeigt fehlendes Wissen bezüglich der eigentlichen Bedeutung dieser beiden Begriffe.

Dabei ist alles ganz einfach:

1. Moral bedeutet im Kern die Unterscheidung in Gut und Böse!

Das Problem ist nur, dass »Das Gute« und »Das Böse« nicht existiert. Die Realität ist hierzu – empirisch klar erkennbar – indifferent, was darauf hindeutet, dass diese Unterscheidung erst einmal eine kulturelle Erfindung von uns Menschen ist. Haben Sie schon einmal erlebt, dass jemand sagt: „Ich bin der Böse und der andere ist der Gute.“? Diese Unterscheidung grenzt die angeblich »Bösen« aus, die ja immer nur die anderen sind, stigmatisiert die Menschen und schafft Feindbilder. Mit solchem Denken wird jede Empathie, jeder Skrupel und jedes faire Verhalten dem oder den Anderen gegenüber unterdrückt und die Gewaltbereitschaft steigt. Der Moralbegriff ist deshalb ein relativierender Begriff, der immer auf egoistischer Befangenheit und irrationaler Willkür beruht.

2. Ethik bezeichnet im Kern die Unterscheidung in faires oder unfaires Verhalten anderen gegenüber!

Nicht nur wir Menschen, selbst Tiere, haben ein untrügliches Empfinden dafür, ob wir fair oder unfair behandelt werden. Insofern ist Ethik gegenüber der Moral bzw. des Moralisierens ein absolutierbarer Begriff. Nur wer andere fair behandelt, kann Wohlwollen erwarten. Fair behandelte Menschen sind glücklich, wenn sie dieses wertschätzende und respektierende Verhalten erfahren dürfen. Im Grunde ist die Ethik somit die unabdingbare Voraussetzung für den erlebbaren Respekt bzw. die notwendige Grundlage zum Respekt-Begriff überhaupt. Die Moral bzw. das Moralisieren erzeugt genau das gegenteilige Klima.

Mit anderen Worten: Moralisieren schafft allzu leicht Feindbilder und ist somit eine Ursache von Konflikten. Moral ist demnach ein relativer Begriff, der immer dann verwendet wird, wenn sich die Menschen selbst oder in ihrer Gruppe als »die Guten« bezeichnen. Und um es klar zu sagen: Jeder in diesem Sinne sich abgrenzende, weltanschauliche oder ideologische Gruppismus, also nicht nur die fundamentalen Anhänger des radikalen Islamismus, des Christentums und anderer Religionen, auch die Vertreter politischer Ideologien, sind grundsätzlich von sich selbst überzeugt, die Guten zu sein und leiten oft genug davon jede inhumanen Aktionen gegen die andersdenkenden »Bösen« als »das Böse an-und-für-sich« ab.

Fazit: Moralisierendes Verhalten ist grundsätzlich getragen von Respektlosigkeit und fehlender Wertschätzung, von Egoismus und egozentrischer Einstellung, sowie vom Verbot freien und selbstbestimmten Denkens, und ist insofern abzulehnen. Der Vorwurf eines »unmoralischen« Verhaltens ist demnach nur der Versuch die Mitglieder einer Gruppe auf das in dieser Gruppe vorherrschende und definierte Denkmuster- und Verhaltenskorsett einzuschwören. Das aber ist ein eindeutiges Indiz für das Verbieten freien Denkens, wie wir es gerade im Islam, aber auch in allen andern Religionen und politischen Ideologien wiederfinden.

Deshalb: Wir müssen anfangen mehrheitlich in ethischen Kategorien zu fühlen, zu denken, zu handeln und zu kommunizieren, denn: Moralisierendes Verhalten ist das Gegenteil von Humanismus bzw. von humanistisch geprägtem Verhalten!



Essay: Stufenmodell der Moralentwicklung

Wenn wir das alltägliche Verhalten der Menschen betrachten, dann fällt ein ausgeprägtes Gefälle des Handlungsbewusstseins zwischen einfachsten moralischen »Nur WIR sind die Guten«- und differenzierten, ethisch begründeten Fairness-Einstellungen auf. (Siehe hierzu unbedingt den vorherigen, voraussetzenden Artikel »Moral kontra Ethik«!) Dabei sind die naiveren moralischen Verhaltensnormen aus mehreren Gründen deutlich öfter vertreten:

1. Weil der Mensch seine höheren, kultur- und gesellschaftsverträglichen Bewusstseinsstufen in einem langen Prozess von Geburt an erst erlernen muss.

2. Weil differenzierte ethische Verhaltens- und Einstellungsnormen ein deutlich umfangreicheres, kritisches und vor allem selbstkritisches Bewusstsein, sowie die fundierte, selbstüberzeugte Bereitschaft zu Wissen und Aufgeklärtheit erfordern.

3. Weil die meisten Menschen auf dieser Erde in Gesellschaftssystemen groß werden (müssen), die das freie Denken zu einem kritischen und selbstbestimmten Bewusstsein aus stark ideologischen oder weltanschaulichen Gründen verhindern oder in fundamentalistisch-radikalisierten Glaubenssystemen sogar massiv unter Strafe stellen.

Der US-amerikanische Psychologe und Professor für Erziehungswissenschaft an der Harvard University, Lawrence Kohlberg (1927-1987), hatte die moralische Entwicklung des Menschen anhand empirischer Beobachtungs- und Forschungsdaten analysiert, Kategorien erkannt und in einem Stufenmodell zusammengefasst.

Quellen: »wikipedia: Lawrence_Kohlberg« und »wikipedia: Kohlbergs Theorie der Moralentwicklung« [beide 20.12.2017]

Kohlberg erkannte vorausgehend drei notwendige Kriterien, damit sich ein Mensch überhaupt zu einer weiteren Stufe gesellschaftsverträglichen Handlungsbewusstseins entwickeln kann:

1. Er muss seine soziale Perspektive von einer rein egozentrischen, zu einer bewussten Wahrnehmung der existenziellen Ansprüche anderer Menschen in der Gesellschaft erweitern.

2. Er muss die Verortung seiner moralischen bzw. ethischen Selbstbestimmung durch die Fähigkeit verbessern, rein moralische Normen zu hinterfragen und begründen zu können.

3. Er muss die Regeln seines Handelns, weg von rein egozentrischer Lust bzw. -Unlust-Begründung, schrittweise hin zu einem fundierten, einheitlichen Konzept an allgemeinverträglichen Normen abstrahieren.

Unter diesen Bedingungen des skeptischen und bewussten Umgangs mit Verhaltensnormen besitzt ein Mensch nach Kohlberg alle Voraussetzungen, um seine soziale Existenz im Umfeld seiner Gesellschaft weiter zu entwickeln. Nur wenn das viele Menschen schaffen, dann wird sich auch ihr Gesellschaftssystem als Ganzes zu humanistisch wohlwollenden Werten weiterentwickeln können.

Schlussendlich konnte Kohlberg drei Ebenen mit je zwei Teilstufen des Entwicklungsstandes der Menschen erkennen, und unterscheiden wo sie individuell zu verorten sind:


1. Die präkonventionelle, vormoralische Ebene (Erste von drei Hauptebenen)

1a) Erste Stufe: Die Orientierung an Gehorsam und Strafe

Dies ist die frühkindliche Orientierung. Sie entspricht dem Niveau der meisten Kinder bis etwa zum neunten Lebensjahr sowie einiger Jugendlicher. Aber auch viele jugendliche und erwachsene Straftäter sind hier zu verorten, weil sie diese Ebene nie wirklich verlassen konnten oder haben. Die Lebensorientierung richtet sich hier (noch) nicht nach moralischen Ansprüchen, sondern im Wesentlichen an selbst-empfundenen, egozentrischen Machtpotenzialen nach dem Motto: »Der Stärkere gewinnt!« Die von Autoritäten gesetzten Regeln werden nur dann befolgt, wenn man sich beobachtet fühlt, um eine Strafe zu vermeiden. Das Wohl oder Wehe anderer Menschen ist auf dieser Stufe völlig irrelevant.

1b) Zweite Stufe: Die instrumentell-relativistische Orientierung

Sie gilt im Grunde auch noch für Kinder, aber unterscheidet sich von der 1. Stufe mit der rein reaktiven Strafvermeidung, dass sie beurteilen und wahrnehmen, ob ihr Handeln unabhängig vom Beobachtet-Werden gut oder schlecht für sie ausgeht bzw. ausgehen könnte. Es ist aber leider auch die Ebene der Rache nach dem Motto: »Wie du mir, so ich dir!« (Tit for Tat, Auge um Auge, etc.) und wirft ein deutliches Licht auf die Stufe der moralischen Entwicklung derjenigen Kulturen, in denen Stolz und Ehre sowie im Extrem z.B. Blutrache und Ehrenmorde oder das Scharia-Bestrafungssystem (was eigentlich ein Rache-System ist) zum gesellschaftlichen Alltagsdenken gehören.


2. Die konventionelle Moralebene (Zweite von drei Hauptebenen)

In dieser Ebene ist der Großteil aller Jugendlichen und Erwachsenen mit der üblichen Moralorientierung zu verorten.

2a) Erste Stufe: Die interpersonale Konkordanz (Übereinstimmung)

Die vorgegebenen moralischen Erwartungen von Bezugspersonen und Autoritäten werden nun als vorteilhaft erkannt. Man möchte diesen – nicht nur aus Angst vor Strafe – entsprechen, weil das die eigene Identität in einer Gruppe zu stärken scheint. Es ist die sogenannte »good boy« bzw. »nice girl«-Orientierung.

Im Voraus eines schlechten Verhaltensansatzes entwickeln sich Skrupelgefühle und Gewissensbisse, und nachträglich Schuldgefühle, wenn man den Erwartungen nicht gerecht werden konnte. Korrespondierend dazu richtet und fordert man dann die gleiche moralische Erwartungen an das Verhalten Dritter, was von der autokratischen Obrigkeit zu ihrem Machterhalt leicht ausgenutzt werden kann.

Diese Stufe kennzeichnet den weltanschaulichen und obrigkeitsorientierten Glauben, die Kritiklosigkeit und die fehlende Skepsis gegenüber den vorgegebenen Denk-, Bewertungs- und Verhaltensmustern. Richtig hat hier zu sein, was der Obrigkeit gefällt, was die Menschen auf dieser Stufe nachgerade (und freiwillig) zu willenlosen Marionetten entmündigt und degradiert. Es ist genau die Ebenenstufe, wo sich die stark religionsgläubigen und somit letztlich die allermeisten Menschen dieser Welt befinden. Im Kontext der Mächtigkeit der noch folgenden Stufen zeigt das ein noch großes Defizit gegenüber dem, was darüber hinaus noch möglich ist.

2b) Zweite Stufe: Die Orientierung an Gesetz und Ordnung

In dieser Ebenenstufe wird gegenüber der Vorherigen zwar schon eine tiefere Bedeutung moralischer Normen und allgemeiner Regeln für das (allerdings nur) bloße Funktionieren einer Gesellschaft erkannt aber immer noch kritiklos befolgt bzw. durchgesetzt. So auch die allgemeinen gesellschaftlichen Erwartungen, die nicht direkt von Bezugspersonen angesprochen oder definiert werden.

Diese Ebenenstufe ist im Umkehrschluss – nun als aktive Einforderung von Gesetz und Ordnung – genau die Stufe, die die Voraussetzung bildet, wo sich Obrigkeiten, selbstgefällige Autokraten, Diktatoren und klerikale Machthaber tummeln, um ihre Hackordnung zu erhalten und alles zu tun, damit alle anderen auf der Hackordnungsstufe »2a)« unter ihnen verbleiben. Es ist die letzte Stufe bevor sich das Bewusstsein zu ethischen Maßstäben, also vom moralisierenden Gut-Böse-Denken zu ethischem Fair-Unfair-Denken wandelt und genau die Stufe, die das Vorbeientwickeln aller anderen Menschen zur Ebene 3. mit ihren beiden Stufen kulturell zu verhindern sucht. Nicht umsonst werden genau diejenigen der Ebenenstufe »2a)«, die es trotzdem tun, von den Oberen auf dieser Stufe »2b)« vehement bekämpft. Genau hier wird die gesellschaftliche Moralstruktur des naivem Gut-und-Böse-Denkens bzw. von Macht und Ohnmacht deutlich.


3. Die postkonventionelle Ethik-Ebene (Dritte von drei Hauptebenen)

Kohlberg konnte empirisch festzustellen, dass es nur ein kleiner Anteil der menschlichen Gemeinschaft auf diese Ebenenstufen »schafft« und meistens erst deutlich nach dem 20. Lebensjahr. Es ist die höchstmögliche Ebene, wo gesellschaftliche, das freie Denken und die Ausgrenzung, also die Konflikt-trächtigen und unterdrückenden »Macht und Ohnmacht«-Strukturen endlich verlassen werden, damit ethische Denkkategorien in Bezug auf fairen Umgang miteinander aktiv gelebt werden können.

3a) Erste Stufe: Die legalistische Orientierung am Sozialvertrag

Moralische Normen werden jetzt kritisch hinterfragt und nur noch dann als verbindlich und legal angesehen, wenn sie gut begründet sind. Es werden abstrakte Regeln aufgestellt, um Interessens-Konflikte lösen zu können. Das egoistische Eigengruppen-Denken »wir sind die Guten« und das Ausgrenzungs- oder Feindbild-Denken »ihr seid die Bösen des sogenannten Gruppismus ist überwunden. Neben dem Gewissen wird hauptsächlich die Frage nach der Fairness und nicht mehr die Frage nach der willkürlichen Gut-oder-Böse-Moral gestellt.

In dieser Ebenenstufe orientiert sich der Mensch an der Idee eines sozialen Gesellschaftsvertrags. Aus Gedanken der Gerechtigkeit und der »Nützlichkeit für alle« werden bestimmte Verhaltensnormen akzeptiert, andere nicht. Es ist die erste Ebenenstufe, wo sich der Gedanke allgemeiner und ethisch fairer »Menschenrechte für alle« überhaupt erst stellt. Nur etwa ein Viertel aller Menschen erreicht nach »Wikipedia« diese Stufe.

3b) Zweite Stufe: Die Orientierung an universalen ethischen Prinzipien

Diese höchste Ebenenstufe wird schließlich nach »Wikipedia« nur noch von weniger als 5% der Menschen erreicht, die aktiv hiernach Denken und Leben. Die noch diffuse statische Begründung von allgemeinen Normen der Stufe »3a)« wird noch einmal kritisch betrachtet und in einem fortwährenden (dynamischen) Prozess des zu verhandelnden Gesellschaftsvertrags weiter verbessert. Das Prinzip von zwischenmenschlicher Achtung, rationaler Vernunft, Fairness und Toleranz gegenüber Andersdenkenden wird einbezogen. Man beruft sich auf den Einklang von Universalität und Widerspruchslosigkeit. Es geht nicht mehr um konkrete moralische Verhaltensregeln, sondern um fundierte Prinzipien, wie z.B. dem Kategorischen Imperativ von Immanuel Kant, damit es überhaupt zu einer gleich-fairen Berücksichtigung gleichrangiger Interessen im zwischenmenschlichen Bereich kommen kann. Konflikte sollen argumentativ und unter Einbeziehung aller Beteiligten gelöst werden und ein freiheitlich demokratisches Wertesystem von weitestgehender Freiheit des eigenen Denkens und der Selbstbestimmung des eigenen Lebenskonzepts werden bevorzugt. Die individuelle Weltanschauung ist als reine Privatangelegenheit kein öffentlich-gesellschaftliches Verhandlungsthema mehr.


Alle Ebenen und Stufen noch einmal kurzgefasst:

Kohlberg - Humanismus?

Bei aller bisher gesammelten Kritik an möglichen Ausnahmen und Ergänzungen an diesem Modell und auch wenn es auf bestimmte Einzelfälle nicht immer zu passen scheint: Es bleibt unterm Strich dennoch eine allgemein stimmige Tendenz übrig, die statistisch erkennbar passt und letztlich auf das Durchschnittsverhalten der Menschen in ihren Gruppen übertragbar ist.

Fazit: Mit diesem relativ leicht nachvollziehbaren Kategorienkonzept Kohlbergs kann jeder Mensch aber auch jedes Gesellschaftssystem analysiert werden, wo er/es sich in Bezug auf die moralische bzw. ethische Orientierung im Denken und Verhalten befindet. Es wird auch klar, dass eben doch mehr möglich ist, als es uns die Religionen und Ideologien mit ihren naiven, dogmatisch vorgegebenen (angeblichen) Wahrheiten und ihrer vermeintlichen Definitionshoheit über die Natur der Dinge weiß machen wollen. Diese stehen somit analysierbar unter jeglichem Mindeststandard eines erreichbaren bzw. dem zumindest von unserem verfassten Gesellschaftssystem mittlerweile erreichten, freiheitlich demokratischen Wertesystem der Ebene »3.«. Weiterhin können wir einschätzen, auf welcher Ebene sich ganze Kulturen und Gesellschaften von ihrer Entwicklung her befinden, denn es ist auch zu erkennen, wie das in einem tendenziellen, proportionalen Zusammenhang steht zu den inner- und zwischenstaatlich ausgetragenen Konflikten dieser Gesellschaften: Je tiefer die gesellschaftsverträgliche Verhaltenskompetenz und die Verortung des Denkens zu erkennen ist, desto wahrscheinlicher sind auch diese permanent anstehenden Konfliktpotentiale festzustellen. Das zeigt, wie sehr notwendig die weltweite Aufklärungsbereitschaft der Menschen über diese Zusammenhänge ist.

Weitere, sehr gut ausgearbeitete Informationen hierzu unter: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/MORALISCHEENTWICKLUNG/ [20.12.2017]