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Das Bodenstedt-Haus

Rheinstraße 78 in Wiesbaden – Die Räumlichkeiten unserer Gemeinschaft

Wer war eigentlich Friedrich Bodenstedt?
Darauf wussten wir Wiesbadener Humanisten bislang wenig zu sagen. Da ist das Schild am Hauseingang in der Rheinstraße 78 in Wiesbaden. Darauf heißt es sinngemäß: Hier lebte von 1883 an bis zu seinem Tode 1892, Friedrich von Bodenstedt. Der Berliner Autobiograph des Dichters, Werner Notz, brachte uns zum Tag des offenen Denkmals nun Licht in die Wiesbadener Zeit des Dichters.

Netzwerker der ersten Stunde
In einem modernen Literaturlexikon findet man Bodenstedt als „epigonal romantisierenden, formgewandten Lyriker von liebenswürdiger Grazie“. Er unterhalte jedoch ein „Kunstgewerbe ohne Tiefe und Kraft“. Ein vorschnelles Urteil, wie der Vortrag von Werner Notz zeigen sollte. Bodenstedt stand von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 1880er Jahre nie in der ersten Reihe, aber immer im Umfeld prägender Ereignisse und Persönlichkeiten. Anders, als die Leichtigkeit seiner Sprüche vermuten lässt, setzte er sich mit den geistigen und politischen Strömungen seiner Zeit auseinander. Dies tat er mehr als Beobachter, denn als aktiver Teilnehmer. So wie beispielsweise in seiner Wiener Zeit, als er seiner Tätigkeit als Redakteur des österreichischen Lloyd nachging und draußen die Straßenkämpfe 1848 tobten.

Viele Einnahmen, noch mehr Ausgaben
Der Dichter war stets gesellig und scharte die Prominenten seiner Zeit um sich. Fast zeitlebens hatte er als Schriftsteller und Übersetzer mit Geldknappheit zu kämpfen. Zeitweise nahm er die Schiller-Stiftung in Anspruch, und das, obwohl er zu den am besten verdienenden Autoren seiner Zeit zählte. Bodenstedts bekanntestes Werk, Mirza Schaffy erzielte eine Gesamtauflage von 285.000 Exemplaren, für ein Buch des 19. Jahrhunderts ein außerordentlicher Erfolg. Am 1. Juli 1877 zog Bodenstedt in der Rheinstraße 78 ein. Mit Frau und den beiden jüngsten Töchtern samt Angestellten wie Köchin und Magd residierte er über zwei Stockwerke: Im Erdgeschoss der große Salon und darüber die Belle Etage. Eine seiner Töchter schrieb später: „Unser Vater war bis zuletzt unsagbar fleißig, verdiente sich mit der Feder viel und hatte außer seiner Pension als Hof- und Theater-Intendant ein großes Ehrengehalt von der Zeitung „Die tägliche Rundschau“, aber ein Vermögen konnte er nicht hinterlassen. Er war sehr gastfrei und der Verkehr im elterlichen Hause ein enormer…“.

Bodenstedt spricht durch seine literarischen Figuren
Bei Friedrich Fiedler, Literat und Übersetzer aus Sankt Petersburg, der im Juni 1891 zu Besuch war, liest man: „Gestern in Wiesbaden war mein erster Gang zu Bodenstedt. Ich wurde sofort vorgelassen. Ein hoher alter Herr mit stark knochigem, rundem Gesicht im Sommerpaletot trat er auf mich zu und streckte mir freundlich die Hand entgegen … Bodenstedt saß in einer reichen und schönen Bibliothek mit fünf Lorbeerkränzen von seinem Jubiläum. Er sprach nur von sich selbst, von seinen Werken und deren Übersetzungen in alle Sprachen, von seinen Reisen in alle Herren Länder und den Hunderten von unbeantworteten Briefen und ungelesenen Bücher- und Manuskriptsendungen.“ Während er seinem Besucher einen Vierzeiler in das Album schrieb, habe Bodenstedt erklärt, warum er verstorbenen, russischen Schriftstellern Gedichte in den Mund legte. So könne er sagen, was ein deutscher Schriftsteller zu dieser Zeit in Deutschland nicht sagen dürfe: „Ich musste jedoch die Zensur mystifizieren, denn die Ausfälle auf Kirche und Staat konnten in rein deutschem Geist und Gewand nicht passieren.“

Um den 10. April erkrankte Bodenstedt an einer Lungenentzündung, der er am 18. April dann erlag. In seinen letzten Lebensjahren schrieb er Besuchern gern als Widmung folgenden Vers ins Album:

„Das Leben ist ein Darlehen, keine Gabe!
Kein Mensch weiß wieviel Schritt er geht zum Grabe;
Doch jeder wahre Mensch auf jeden Schritt
Nimmt das Bewusstsein seiner Schuldpflicht mit.
Und fühlt zu höherem Ziele sich erkoren
Als zu betäubendem Genuss des Lebens;
Es ist nicht unsre Schuld, dass wir geboren,
Doch unsre Schuld, wenn wir gelebt vergebens“